Für die Überfahrt von Espalmador bei Ibiza nach Cartagena auf dem spanischen Festland war ausschliesslich Gegenwind vorhergesagt. Dies bedeutete, dass wir gegen den Wind aufkreuzen mussten. Noch vor der Abfahrt bereiteten wir deshalb zum ersten Mal unsere Arbeitsfock vor. Eine Arbeitsfock ist ein kleines Vorsegel, mit dem man beim Aufkreuzen höher am Wind laufen kann als mit der normalen Genua – also mehr effektive Distanz zurücklegt.

Als wir nach zwei Tagen auf See nach Mitternacht endlich auf der Höhe vom Cabo de Palos das Festland sahen, mussten wir den Motor anwerfen und voll gegen den Wind fahren, weil wieder einmal ein Unwetter herannahte. Auf Grund der Wetterverhältnisse mussten wir uns mehr oder weniger in einem Fahrwasser der Berufsschiffahrt bewegen, was rund um die Uhr besondere Aufmerksamkeit erforderte beim Navigieren. Eigentlich sollte man als Segler ein solches Fahrwasser – eine Art Autobahn für Tanker und Frachter – im 90-Grad-Winkel kreuzen, aber das war hier einfach nicht möglich. Die modernen technischen Mittel vereinfachen das Segeln in solch stark befahrenen Wassern jedoch sehr. Das AIS (Automatisches Schiffsidentifizierungssystem) zeigt nicht nur uns Informationen wie Länge, Geschwindigkeit, Kurs und Zielhafen von umliegenden Schiffen an, sondern übermittelt auch unsere Position an die anderen Fahrzeuge. Es ist beruhigend zu wissen, dass die 300 Meter grossen Riesen unser kleines 12 Meter-Schiffchen mindestens theoretisch auf ihren Systemen sehen. Trotzdem ist ein regelmässiger Rundumblick und Radarcheck notwendig, denn ein Spielchen David gegen Goliath sollte man nicht provozieren…

Seit den Fahrten zwischen den balearischen Inseln empfingen wir immer wieder Funksprüche der spanischen Seenotrettungsstellen, die auf Flüchtlingsboote hinwiesen, die „mit einer unbekannten Anzahl Personen an Bord von der marokkanischen Küste unterwegs zur spanischen Küste“ sind. Alle Teilnehmer des Schiffsverkehrs, egal ob grosser Tanker oder kleines Segelboot, werden dazu aufgerufen, allfällige Beobachtungen, die über den Standort der Boote aufklären könnten, sofort an die entsprechende Stelle weiter zu geben.

Diese Situation stimmt nachdenklich und führt vor Augen, wie verkehrt unsere Welt ist. Wir sind hier freiwillig und zu purem Vergnügen unterwegs auf unserem gut ausgerüsteten Boot, während gleichzeitig irgendwo vielleicht ganz in der Nähe verzweifelte Menschen auf einem ungeeigneten Boot zusammengepfercht wie Tiere darauf hoffen, lebend das spanische Festland zu erreichen. Man überlegt sich auch, wie man selbst reagieren würde, falls man auf ein solches Boot trifft. Die einzige Hilfe, die man leisten kann, ist, die Information an die Rettungsstelle weiter zu leiten. Den Menschen auf dem Flüchtlingsboot direkt zu helfen versuchen wäre viel zu gefährlich, weil sie vielleicht aus Verzweiflung versuchen würden, unser Boot zu erreichen und dabei ertrinken. Wir waren froh, dass wir schlussendlich nie in diese Lage kamen.

Wieder einmal schafften wir es knapp vor dem Unwetter in den Hafen. In der finsteren Nacht vor Cartagena wollte ich die Arbeitsfock bergen, als plötzlich das Boot begann, wie wild hin- und herzuschlagen und die seitlichen Wellen mich innerhalb von Sekunden bis auf die Unterhose durchnässten. Ich schrie zu Dominique, dass er das Boot im Wind halten soll, aber er meinte nur „Geht nicht, wir haben plötzlich über 30 Knoten Wind!“. Also half er mir, das Segel zu befestigen und steuerte das Boot in den zum Glück ruhigen Hafen. Dort staunten wir umso mehr, als vor uns das grösste private Segelboot der Welt, die Superyacht „A“ eines russischen Milliardärs, auftauchte. Die Hafenkräne daneben sahen aus wie Zwerge, und unser Mast reichte nicht mal an die unterste Stelle des Freibords!

Das Amphitheater von Cartagena.

Cartagena war wieder einer dieser Orte, der uns länger festhielt als geplant. Die Stadt, die früher Karthago bzw. Carthago Nova hiess, ist schon seit mehr als 2000 Jahren ein wichtiger Handels- und Militärstützpunkt am Mittelmeer. Noch heute kann man gut erhaltene römische Bauwerke wie ein Amphitheater bestaunen und der Ort strahlt eine imposante Erwürdigkeit aus, die mich bis zum Schluss fasziniert hat. Im Hafen lag neben der modernen Riesenyacht auch der Nachbau des Schiffes Victoria, das im 16. Jahrhundert u.a. unter Kapitän Magellan als erstes Boot um die Welt segelte.

Cartagenas stolze Architektur.
Victoria, das erste Segelboot, das um die Welt gesegelt ist.
Die russische Superyacht "A".
Dominique befreit die Segel von Salz.

Auf dem Weg nach Gibraltar legten wir weitere Stopps ein. In Almerimar konnten wir dank dem grossen Supermarkt auf dem Hafengelände einen ersten Grosseinkauf für die Atlantiküberquerung machen. Ein Paar, dem nicht entgangen war, dass wir mehrmals volle Einkaufswägen quer durch den Hafen schoben, sprach uns an. Es stellte sich heraus, dass die beiden Schweizer Nathalie und Hanspeter soeben von einer 15-jährigen Weltumsegelung zurückgekehrt sind! Sie haben uns sofort unter die Fittiche genommen und uns viele hilfreiche Tipps gegeben.

Einkaufen im Hafen.

Kurz vor Marbella wollte ich ein vermeintliches Stück Plastik vom Ruder entfernen, das sich unter der Wasseroberfläche verhängt hatte. Es stellte sich jedoch heraus, dass es ein Aalähnliches Tier war, das sich festgesaugt hatte! Das Meerneunauge begleitete uns bis in den Hafen von Marbella. Das Tier, das eigentlich ein Blutsauger ist, hatte uns wohl mit einem Wal verwechselt, oder wollte einfach etwas schneller ans Ziel gelangen.

Unser blinder Passagier.

In Puerto Banus, dem Saint-Tropez der Südspanischen Küste, mussten wir ein Paket abholen. Da wir nicht ganz ins Schema des Stammklientels passten, fragte uns der Marinero beim Einlaufen nett aber bestimmt, ob wir denn Bescheid wüssten über die Preise hier. Zum Glück kostete der Liegeplatz für Boote unter 12 Meter nicht übermässig viel und wir genossen für eine Nacht die Einrichtungen eines Luxushafens.

Am 8. November legten wir ab in Richtung Gibraltar. Die Strasse von Gibraltar, der Felsen von Gibraltar – das sind für mich zwei Begriffe, die etwas Faszinierendes haben, weil ich schon so häufig davon gehört habe in allen möglichen Zusammenhängen, aber es blieb immer etwas Fremdes, Unbekanntes. Es war deshalb sehr schön, sich dem geheimnisvollen Fleck auf der Weltkarte nun endlich auf dem Seeweg zu nähern.

In der Bucht vor Gibraltar lagen Dutzende Tanker und Frachter vor Anker. Wir mussten im Slalomlauf um die eindrucksvollen Metallmonster herumkurven. Wie uns andere Segler empfohlen hatten, legten wir in Gibraltar nur an, um sehr günstig Diesel zu tanken und fuhren gleich weiter in das danebenliegende spanische La Linea.

Der berühmte Felsen von Gibraltar.
Tanker und Frachter aus nächster Nähe.
Volltanken in Gibraltar.
Kurz vor Gibraltar nochmals frisch geduscht.

Von La Linea aus lässt sich Gibraltar zu Fuss entdecken, inklusive Grenzübergang, Passkontrolle und Überquerung des Flughafenrollfelds. Gibraltar, ein britisches Überseegebiet, ist eine interessante Mischung aus gemütlicher, sehr englischer Altstadt hinter den ursprünglichen Festungsmauern, und unschönen Neubauten und Hochhäusern im Hafenbereich. Auf einer Fläche von 6.8 Quadratkilometern wohnen rund 35’000 Menschen. Es wirkt alles entsprechend eng, und offensichtlich muss jetzt in die Höhe gebaut werden, um alle Einwohner und Steuernutzniesser aus dem Wirtschaftsbereich unterzubringen. Täglich überqueren spanische Arbeitskräfte die Grenze nach Gibraltar, weshalb auf der Strasse und zum Beispiel in Supermärkten vor allem Spanisch gesprochen wird. Im Gegensatz dazu gibt es wiederum Lokale, die grossen Wert auf ihre Englische Kultur legen und in denen man British English vom Feinsten hört.

Altstadt von Gibraltar.
Gibraltar von oben.

Über dem kulturellen Kunterbunt trohnt der Felsen von Gibraltar, auf dem die letzte freilebende europäische Affenpopulation lebt. Wir haben uns ab den gierigen Berberaffen köstlich amüsiert. Wer nicht aufpasst auf seine Snacks, muss damit rechnen, dass ein Affe damit das Weite sucht. Und wenn er anstatt dem Sandwich aus Versehen den Geldbeutel oder den Pass erwischt…

Die Affen sind bekannt dafür, dass sie Rucksäcke und Taschen öffnen können. Wir konnten es deshalb nicht lassen und haben die Neugier eines Affen geweckt, der prompt auf meinen Rucksack sprang und in aller Ruhe und mit geschickten Fingern versucht hat, ihn zu öffnen. Ausser dem wasserfesten Rollverschluss hat er alles, was man irgendwie öffnen konnte, aufgekriegt!

Nachdem wir Gibraltar von unten und von oben gesehen hatten und Dominique in einem englischen Pub sein Bier getrunken hatte, standen wieder einmal Arbeiten am Boot an und wir mussten uns auf die Überquerung nach Lanzarote vorbereiten. Wie wichtig der richtige Zeitpunkt für die Fahrt durch die Strasse von Gibraltar ist und welche Wetterüberraschungen uns auf dem Atlantik erwarteten, erfahrt ihr im nächsten Blogbeitrag.