Obwohl wir schon sehr müde waren nach den zwei Tagen und zwei Nächten auf See zwischen Sardinien und den balearischen Inseln, entschlossen wir, um Menorca herum und direkt nach Ciutadella de Menorca an der Westküste zu segeln. Segeln im Schichtbetrieb ist schwieriger, als man sich vorstellt. Da ist man am Ende der eigenen Schicht noch ganz aufgekratzt von der frischen Meerluft und soll auf Befehl ein paar Stunden schlafen. Unterdessen weiss ich, dass ein gewisses Level an Erschöpfung erreicht sein muss, damit man trotz Wellengang oder Motorengebrummel einfach einschläft wie ein Stein. Eigentlich müsste man den Schichtbetrieb auch tagsüber durchziehen, aber das haben wir bis jetzt noch nicht so richtig hingekriegt.

Bilderbuchsonnenaufgang vor Menorca.

Die Entscheidung, gleich an die Westküste von Menorca zu segeln, hat sich gelohnt. Bereits etwas voreingenommen von den meistens unfreundlichen Hafenmitarbeitern auf Korsika und Sardinien, verbunden mit teurem aber schlechtem Service, wurden wir vom Club Nautico in Ciutadella mit offenen Armen empfangen. Das Städtchen Ciutadella, dessen Geschichte viele Jahrhunderte zurück geht und Teil der sehr bewegten Eroberungskriege zwischen verschiedenen Nationen war, besticht heute noch mit seinem altertümlichen Charme, engen Gassen, grosszügigen Plätzen mit Palmen und Cafés, und einem wunderschön angelegten Naturhafen.

Da wir sowieso weiterhin noch viel Arbeit am Boot hatten und auf gute Einkaufsmöglichkeiten für nautische Zubehör angewiesen waren, blieben wir hier sechs Tage hängen. Parallel zum Abklappern aller Marinegeschäfte konnten wir erstmals wie ganz normale Touristen eine kleine Insel-Besichtigungstour machen.

Der Hafen von Ciutadella.
Fischerboote im Hafen von Fornells.

Als erstes fuhren wir quer über die Insel zur Bucht von Mahón (katalanisch: Maó), der Inselhauptstadt. Am Eingang der Bucht liegt die Fortaleza Isabel II., eine gigantische über- und unterirdische Festung aus dem 19. Jahrhundert, die sorgfältig instand gehalten wird. Angeblich galt das gigantische Bauwerk nach 20-jähriger Bauzeit auf Grund der rasanten Entwicklung der Verteidigungsartillerie und der Kriegsmarine bereits als veraltet.

Beeindruckendes Mauerwerk.
Unterwelten in der Festung.

Auf dem Rückweg über kleine Landstrassen machten wir einen Abstecher nach Fornells, um die schöne Aussicht an der Nordküste zu geniessen. Dort erwartete uns jedoch eine Schiffshavarie, die uns ganz schön in die Knochen fuhr. Eine grössere Segelyacht war im Einfahrtsbereich der Bucht abgetrieben und wurde von einem Schlauchboot in Richtung Hafen gezogen. Leider löste sich die Schlepptrosse und die Yacht trieb erneut ab. Die Situation geriet ausser Kontrolle und die Segelyacht lief auf die Klippen auf. Der Herr auf dem Schlauchboot versuchte erneut, eine Trosse an der Segelyacht zu befestigen, leider mehrfach ohne Erfolg. Dominique sprang bei der nächsten Gelegenheit auf das Schlauchboot, um zu helfen. Gemeinsam gelang es ihnen, die Yacht wieder aus den Klippen zu befreien.

Weil die Yacht vorübergehend am Bug anstatt am Heck des Schlauchbootes befestigt war, begann der Führer des Schlauchbootes, sein Boot um 180 Grad zu drehen, obwohl Dominique intervenierte. Denn die Yacht war erst ungefähr zehn Meter von den Klippen entfernt. So kam es wie es kommen musste: Als die Trosse keinen Zug mehr hatte, wurde die Yacht vom starken Wind sofort wieder auf die Felsen getrieben. Dominique fluchte und schimpfte, denn hätten sie das Boot weit genug weggezogen, wäre es gerettet gewesen.

Doch es kam noch schlimmer: Der Yachtführer schien unter Schock oder Drogeneinfluss zu stehen. Plötzlich versuchte er, ohne nachvollziebaren Grund zwischen Yacht und Felsen ins Wasser zu springen. Von einem vermutlich acht Tonnen schweren Boot auf die Felsen gedrückt zu werden, hätte dramatisch enden können. Dominique konnte ihn zum Glück im letzten Moment auf das Schlauchboot ziehen. Später gelang er jedoch wieder auf die Segelyacht, obwohl Dominique ihn davon abzuhalten versuchte.

Der Mann, der das Schlauchboot steuerte, versuchte in der Zwischenzeit erneut, die Yacht von den Felsen zu lösen. Allerdings schrammte sein Aussenbordmotor mehrmals über die Steine im untiefen Wasser, und schlussendlich musste er die Rettungsaktion abbrechen, damit er nicht auch noch sein eigenes Boot zerstört.

Nun „sass“ die Yacht auf den Felsen und schaukelte bei jedem Wind- und Wellenstoss. Der Eigner verkroch sich in der Kajüte, kam aber immer wieder an Bord, torkelte über das Deck und drohte, ins Wasser zu fallen.

Vom Land aus versuchte ich gemeinsam mit anderen Passanten, die offiziellen Stellen zu alarmieren und um Hilfe zu bitten. Erschreckenderweise fühlten sich zuerst weder Hafen noch Seerettung verantwortlich, und die Guardia Civil, die später auftauchte, agierte unüberlegt und unorganisiert. So blieben wir bis spät nachts, um zu beobachten, was passiert und im Notfall eingreifen zu können. Irgendwann konnte die Seerettung doch noch mobilisiert werden. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie vor Ort war. Leider musste sie unverrichteter Dinge wieder wegfahren. Die Guardia Civil hatte sie nicht über die Untiefen rund um die aufgelaufene Yacht informiert, weshalb sie kein Beiboot zur Annäherung an das havarierte Schiff dabei hatte.

Es war bereits dunkel, und ein herannahendes Unwetter drohte, die Yacht entweder noch mehr auf die Felsen zu drücken oder sie gar zu lösen und auf das offene Meer hinaus zu treiben. Doch auch die Mutter des Schiffführers, die unterdessen ausfindig gemacht wurde, konnte diesen nicht dazu bewegen, die Yacht zu verlassen. Also entschlossen wir, zu gehen. Auf Grund von Presseberichten in den folgenden Tagen gehen wir davon aus, dass die Yacht zwar wohl Totalschaden erlitten hat, aber dem Eigner nichts weiter passiert ist.

Es war für uns schockierend zu sehen, wie stark Hilfe auf See von menschlichem Können oder Fehlhandeln abhängt, und wie unfähig die zuständigen Behörden gehandelt haben. Wir werden dies im Hinterkopf behalten, sollten wir je in eine ähnliche Situation geraten!

Während unserem längeren Aufenthalt auf Menorca konnten wir uns endlich um unser kleines Sorgenkind, den vierzigjährigen Aussenborder für das Beiboot (Dingi), kümmern. Beim Test zu Hause in Liechtenstein lief er hervorragend, aber kaum war er in Frankreich das erste Mal am Beiboot montiert, ging nichts mehr so richtig. Per Zufall liefen wir in Ciutadella in das Geschäft des Vizepräsidenten der Herstellervertretung auf den Balearen (oder so ähnlich), und siehe da, nach einer zweistündigen Untersuchung waren alle alten, brüchigen und leckenden Teile ersetzt und beim nächsten Test im Hafenbecken von Ciutadella lief er wunderbar – ein wichtiger Moment für uns, denn das Dingi ist quasi unser Auto oder Velo, mit dem wir in Zukunft vom Ankerplatz an Land fahren werden für den Einkauf, die Inselbesichtigung usw.

Einer von vielen Dingi/Motortests im Hafen.

Am 19. Oktober passte das Wetter wieder einigermassen und weiter ging es in Richtung Mallorca. Aus Zeitdruck beschlossen wir, diese Insel nicht zu besuchen, sondern legten lediglich zwei Zwischenstopps ein zum Ankern und Übernachten in Port de Soller und San Telmo.

Nach zwei Nächten im Hafen von Sant Eulalia auf Ibiza, einem Ballermann für Erwachsene, erreichten wir am 23. Oktober die Playa Espalmador zwischen Ibiza und Formentera. Die Bucht ist berühmt für den weissen Strand und den natürlichen Schutz gegen Wind und Wetter – ausser bei Südwestwind. Natürlich blies der Wind exakt aus Südwesten, als wir bei Dunkelheit an einer der verfügbaren Bojen anlegen wollten. Ein eigentlich einfaches Anlegemanöver – rantreiben, Boje fassen, Leine einfädeln, Leine an Bugklampen befestigen – wurde ein halbstündiger kleiner Kampf gegen Wind und Schwell, und dies auf engstem Raum zwischen anderen Booten und der drohenden Untiefe in Richtung Strand.

Der stolze Captain mit dem Dingi auf dem Weg zum Strand.

Der Aufwand hat sich aber gelohnt, denn die Bucht und die darum liegenden Strände sind wunderschön. Das erste Mal auf unserer Reise konnten wir mit unserem Dingi wie es sich gehört über das türkisblaue Wasser an den Strand fahren, einen menschenleeren Abschnitt suchen und splitternackt ins Wasser springen!

Zwei Tage und zwei Nächte lang haben wir dieses kleine Paradies genossen, inklusive Kurzausflug in den nahegelegenen Hafen La Savina auf Formentera. Weil keine Wetteränderung in Sicht war, entschlossen wir am 25. Oktober trotz Gegenwind, in Richtung spanisches Festland los zu segeln.