Nach drei Tagen auf einem schaukligen Ankerplatz und eindringlichem Insistieren im Hafenbüro von Las Palmas erhielten wir einen Liegeplatz im kleineren Becken der Federación Vela Latina. Dieser Hafenteil ist im Gegensatz zum grossen Bereich sehr familiär, man muss sich die sanitären Anlagen mit nur wenig anderen Leuten teilen, wir hatten tolle Nachbarn, und an den Wochenenden durften wir den schönen Holz-Segelbooten des Segelklubs beim Ein- und Auslaufen zuschauen.

Doch eigentlich wollten wir ja gar nicht hier, sondern schon irgendwo auf dem Atlantik sein. Der überraschende Getriebeschaden zwang uns zu einem erneuten längeren Stopp. Unter Anleitung von Perkins-Spezialist Laurent bauten wir das Getriebe aus und warteten fast zwei Wochen, bis der lokale Volvo Penta-Shop es geöffnet und offiziell bestätigte, dass die Discs komplett abgenützt sind, und man am besten das ganze Getriebe ersetzt. Aus Kostengründen entschieden wir uns, das neue Teil aus Holland zu bestellen. Das Paket war zwar drei Tage nach Bestellung bereits auf der Insel, es dauerte aber weitere zehn Tage, bis es vom Zoll freigegeben wurde. Trotzdem war das ein Erfolgserlebnis, denn laut Stegnachbarn war das schon fast ein Rekord für kanarische Verhältnisse.

Arbeiten im engen Motorraum.
Und so sieht es von aussen aus.

Wenigstens konnten wir die Wartezeit nutzen für Ausflüge auf Gran Canaria. Die Insel unterscheidet sich sehr von Lanzarote, sie ist viel grüner und hat sogar aus Schweizer Sicht richtige Berge im Zentrum. Wir genossen es total, auf den kurvigen Strassen in die Täler hinein zu fahren. Die Vegetation war plötzlich erstaunlich üppig und wechselte zwischen Palmen, Kakteen, Pinien- und Kiefernwäldern.

Der Roque Nublo im Zentrum der Insel ist eine spezielle Felsformation und die dritthöchste Erhebung der Insel, von wo aus man eine tolle Aussicht über die ganze Insel und bis zum Meer hat. Er ist ein Überbleibsel eines Jahrmillionen alten Vulkans. Zu unserer Überraschung war der öffentliche Parkplatz gesperrt und voll belegt mit Fahrzeugen. Es dauerte nicht lange, bis ich realisierte, dass dies stark nach Filmdreharbeiten aussieht – wie könnte es auch anders sein. Zum Glück konnten wir mit Wartezeiten trotzdem bis zur Bergspitze laufen, und sogar noch ein wenig bei den Dreharbeiten für die Netflix-Serie The Witcher zuschauen. Es war für mich spannend zu sehen, wie ein Set für eine Netflix-Produktion funktioniert. Noch viel eindrücklicher war jedoch der Ausblick auf die Täler.

Die Vulkankraterwanderung, die wir auf Lanzarote nicht mehr machen konnten, wollte ich auf Gran Canaria unbedingt nachholen. Der Bandama-Krater gefiel uns so gut, dass wir sogar zwei Nachmittage dort verbrachten. Neben einer Grat-Rundwanderung konnten wir in den Kessel hinunter steigen. Unten angekommen, fühlt man sich wie in einem Urzeiten-Film zwischen den riesigen Palmen, Kakteen und Trauerweiden. Der Name des Vulkans stammt von einem holländischen Winzer, der im 16. Jahrhundert hier unten eine Weinpresse betrieb. Noch heute sind Reste davon zu besichtigen, zusammen mit einer Ruine eines kleinen Gehöfts.

Der Bandama-Krater von oben.

Im Januar schrieb uns eine Seglerkollegin, dass sie im März unbedingt auf den Kanaren sein wollen, um den berühmten Karnaval mitzuerleben. Damals dachten wir noch, dass wir dann schon lange in der Karibik sind. Nach all den Ereignissen kamen wir nun halt doch in den Genuss des Karnavals von Las Palmas. Die Fasnacht hier ist eine Mischung aus Westeuropäischem Kostümfantasie-Wahnsinn, Streetparade und brasilianischem Nackte-Haut-Zeigen. Schön war, dass im Vergleich zu ähnlichen Anlässen in der Heimat, alles viel friedlicher und ruhiger ablief auf den Strassen, obwohl natürlich auch hier viel Alkohol floss.

Wir waren sehr glücklich, als wir das neue Getriebe endlich in unseren Händen hielten und machten regelrecht Freudensprünge, als der Motor nach dem Einbau wieder richtig startete. Der effektive Test war die Fahrt nach Taliarte, einem kleinen Fischerhafen südlich von Las Palmas, wo wir einen Krantermin hatten. Denn bereits in Lanzarote hatten wir gesehen, dass wir voll beladen eigentlich zu tief im Wasser liegen. Deshalb entschlossen wir, das Boot aus dem Wasser zu heben, um die Wasserlinie zu erhöhen.

Des Captains Glücksmoment.
Unterwegs nach Taliarte vorbei an den riesigen Bohrschiffen.

Der Plan war: Herausheben, nass abschleifen, trocknen lassen, Wasserlinie einzeichnen, neues Antifouling drauf. Doch… am Ruder zeigten sich plötzlich wieder einige kleine Osmose-Stellen. Wir hatten nicht damit gerechnet, nach der aufwändigen Rumpfarbeit letzten Sommer so schnell wieder am Unterwasserschiff arbeiten zu müssen. Schweren Herzens entschieden wir uns, eine ausgeweitete Behandlung zu machen. Dies war nicht nur wegen unseren zeitlichen Plänen mühsam, sondern auch der Aufenthalt auf dem Trockendock war nicht besonders angenehm. Ist das Boot aufgebockt, kann man weder Küche noch Toilette benutzen; weil rundherum geschliffen und andersweitig gearbeitet wird, ist schnell alles mit einer dicken Dreckschicht überzogen; und abgesehen von ein paar sehr hilfsbereiten Personen war der Zugang zu den knorrigen, trinkfreudigen Fischern eher schwer. Spannend war jedoch die Arbeit der kommerziellen Fischfarmen, deren Angestellten Tag und Nacht Tonnenweise Fischfutter aus dem Lager auf Arbeitsboote verfrachteten, mitsamt Tauchausrüstung aufs Meer hinaus verschwanden, und nach Ende der Schicht ziemlich müde wieder im Hafen eintrafen.

Das schmutzige Hafenwasser hat seine Spuren hinterlassen.
Künftig mit höherer Wasserlinie.
Anschleifen der feuchten Stellen.
Sogar nachts müssen Schichten aufgetragen werden.

Um dem Hafenleben zu entfliehen, gingen wir weiterhin regelmässig auf Einkaufstour für das Boot. Einmal reichte es für einen kurzen Abstecher nach Maspalomas im Süden der Insel. Leider verirrten wir uns zuerst in die Touristen-Meile von Playa del Inglés, wo wir zwischen Nordeuropäischen Rentnern, frühreifen Teenagern und Schlagermusikern schnell etwas assen, bevor wir in die wunderschöne Dünenlandschaft hinein wanderten. Das riesige, geschützte Areal trennt die grossen Hotelanlagen vom Meer und wird rege genutzt für Picknicks, Fotoshootings und als Kinderspielplatz.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit neuer Farbe am Rumpf war unser Boot am 23. April bereit für das Wasser. Kaum hing die Yemayá in den Gurten, riss ein Hydraulikschlauch des Krans, und das Einwassern wurde um einen Tag verschoben. Langsam fragten wir uns schon, ob das Schicksal möchte, dass wir hier bleiben… Aber am nächsten Tag konnten wir dann tatsächlich nach Las Palmas zurückfahren, wo wir seither liegen.

Die Yemayá mit dem neuen Antifouling.

Seit klar war, dass die Unterwasser-Behandlung länger als geplant dauert, mussten wir uns mit der Frage beschäftigen, ob wir wirklich noch diesen Frühling den Atlantik überqueren wollen, weil die Hurrikan-Saison immer näher rückt. Unsere Gedankenspiele reichten vom Bereisen der Kapverden, von Gambia und Senegal bis hin zur Rückkehr ins Mittelmeer, mit erneutem Start im Oktober 2019. Die Entscheidungsfällung war auch emotional nicht einfach, da wir schon so lange darauf warten, endlich in der warmen Karibik anzukommen. Die Vorstellung, nun wieder dahin zurück zu fahren, wo wir uns letzten Herbst so mühsam herausgekämpft hatten, war sehr unangenehm.

Zusätzlich demotivierend war, dass unterdessen fast alle Leute, die wir unterwegs kennengelernt haben, weitergezogen und u.a. bereits im Pazifik oder aber auf anderen Inseln auf dieser Seite des Atlantiks sind. Wir mussten uns gegenseitig immer wieder aufbauen. Der Frust darüber, dass einfach nichts so lief, wie es sollte, sass sehr tief. Diverse Abklärungen bezüglich Wetterentwicklung und Risiken sowie der starke Wunsch, die Überquerung zu machen, führten schlussendlich zur Entscheidung, dass wir heute, am 6. Mai 2019, unsere Atlantiküberquerung starten.

Die Hurrikan-Saison beginnt offiziell am 1. Juni, aber sie hält sich nicht unbedingt an den Kalender. Deshalb ist unsere Strategie, möglichst weit in den Süden zu segeln, um allfälligen Störungen, die sich zu tropischen Stürmen und letztlich zu Hurrikans entwickeln können, auszuweichen. Positiv für uns ist, dass diese Stürme immer in den Norden abdrehen und somit für uns berechenbar sind. Wir können jedoch nicht zu weit in den Süden segeln, da die Passatwinde weiter unten an Konstanz verlieren. Genaues Beobachten der Wind- und Wetterlage wird ein wichtiger Eckpfeiler in Punkto Schnelligkeit und Risikominimierung bei dieser Überquerung sein. Diese Planung mag sehr riskant klingen, ist sie aber nicht. Wir minimieren mit diesem geplanten Vorgehen lediglich das Risiko, in einen tropischen Sturm zu kommen, der sich widererwarten nicht an „seine“ Saison hält. Unser Transat-Motto lautet „sail fast and save“ ;). Nach der Hurrikan-Saison, die wir südlich der Gefahrenzone absitzen, werden wir wie geplant die Antillen besegeln und nächsten Frühling weiter in den Pazifik reisen – sofern nichts Ungeplantes dazwischen kommt!

Seit einer Woche sind wir deshalb an den finalen Vorbereitungen: das Boot nochmals sauber einräumen, für neues Arbeitsmaterial noch ein Plätzchen finden, die neuste Kamera auf dem Masttop installieren, das Rigg überprüfen, den Treibanker vorbereiten, diverse Diebstahlsicherungen für weniger sichere Regionen austüfteln, das Logrädchen (Geschwindigkeitsmessung) wieder zum Laufen bringen, administrative Dinge klären, den Abruf der Wetterdaten erneut testen, die Lebensmittel aufstocken, usw. Das Boot ist nun perfekt vorbereitet, und wir sind es endlich auch.

Früchte und Gemüse für die nächsten Wochen.
Ordnung ist das Ah und Oh auf unserem kleinen Boot.
Das Logrädchen dreht sich wieder nach einem Sprung ins Hafenwasser.
Kamerakabel einziehen bei stehendem Mast.
Installation der neuen Kamera auf dem Mast.

Wir freuen uns riesig auf die Überquerung und sind gespannt auf das Segelerlebnis, das uns auf dem Atlantik erwartet. Und natürlich ist die Vorfreude gross auf die erste karibische Insel, das türkisblaue Wasser und die Drinks am Strand.

Während den nächsten drei bis vier Wochen werden wir komplett offline sein. Unseren Reisefortschritt kann man hier mitverfolgen: Standortverfolgung.