Da standen wir nun im Januar 2019, retour von unserem Heimataufenthalt, voll bepackt mit fast 100kg Ausrüstung und Ersatzteilen, am Steg der Marina Lanzarote vor dem Boot. Motiviert, in den nächsten Tagen das zusätzliche Material und Werkzeug effizient zu verstauen und die letzten Punkte der To Do-Liste auszuführen, für die wir grosszügige zwei Wochen eingeplant hatten. Doch dies erwies sich wieder einmal als zu optimistisch für kanarische Verhältnisse.

Die Neuorganisation und Finalisierung unseres Elektroschaltkastens gestaltete sich noch als einigermassen einfach und effizient. Während wir für diese Arbeit „nur“ einen Tag von Geschäft zu Geschäft rannten, um die Kabel in passender Stärke zu finden, gingen für andere, eigentlich simple Renovationen und Verbesserungen gleich jeweils mehrere Tage drauf. Auch die Neuverkabelung des Kamerasystems beanspruchte ihre Zeit, bis wir mit den vor Ort vorhandenen Möglichkeiten ein System entwickelt hatten, wie wir USB-Verlängerungskabel möglichst wasserdicht und Sonnengeschützt aus der Kajüte bis ans Heck des Bootes führen konnten.

Viel Zusatzmaterial für ein kleines Boot.
Kabelsalat im Schaltkasten.

Bald hinterliessen wir einen virtuellen Trampelpfad vom Hafen zu den umliegenden Eisenwarengeschäften und man kannte uns dort nach kurzer Zeit als sehr lästige, aber ausgabewillige Kunden. Wir gewöhnten uns an die Gelassenheit der Mitarbeiter, wenn sie uns zum wiederholten Male mitteilten, dass sie von der Schraube XY eben nur noch fünf anstatt die von uns benötigten sechs Stück haben, oder dass das konkrete Ersatzteil vor zwei Wochen ausgegangen sei und erst in drei Wochen mit Nachschub zu rechnen ist.

Wir stellten fest: Wenn es hier auf den Kanarischen Inseln schon so schwierig ist, gewisse Dinge aufzutreiben oder auf die Zuverlässigkeit von Handwerkern zu zählen – wie wird das denn erst in der Karibik oder noch weiter weg? Das war der ausschlaggebende Grund, weshalb wir einige Positionen der To Do-Liste vorzogen.

So investierten wir mehrere Tage in die Verstärkung der bestehenden, alten Klampen, da wir diese nicht mit neueren, weniger schöneren ersetzen wollten (wer hätte gedacht, dass es so schwierig ist, jemanden zu finden, der uns acht Löcher in Inox-Stahlplatten bohrt), und verbrachten wir mehrere Tage mit der Organisation von zwei Hartholz-Brettern für die Befestigung von Kanistern an Deck (wer hätte gedacht, dass man nach der Anfrage an vier Schreiner schlussendlich selbst im Grosshandel einkaufen muss, um ein Hartholz-Brett zu erhalten, für dessen Zuschneiden und Bearbeiten man dann wiederum zu einem fünften Schreiner fahren muss). Es kam ein weiterer Tag hinzu, an dem Dominique, ganz der Perfektionist, die beste Befestigungsart der Kanister austüftelte, damit unsere Stegnachbarn auf keinen Fall Recht behielten mit der Prophezeiung, dass die erste grosse Welle alles herunterreissen werde.

Währenddessen polierte ich mir die Finger Wund auf unserem Kunststoffdeck und verfluchte uns mehrmals dafür, dass wir damals in Frankreich ganz naiv Metall auf dem Deck geschliffen hatten. Die Folgen davon waren kleinste Metallsplitter, die zu rosten begannen und sich in den Kunststoff einfrasen.

Dominique bereitet die Verstärkung der Klampen vor.
Maja entfernt rostende Metallsplitter mit GFK-Politur.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt waren wir auf ein Auto angewiesen, damit wir unseren Material-Suchradius erweitern konnten. Insbesondere ich war sehr froh darüber, weil ich Lanzarote von meinem letzten Besuch mit meiner Mutter als sehr schön in Erinnerung hatte und ich gewisse Dinge nochmals sehen wollte. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und die Landschaft deshalb entsprechend geprägt von den mehr als 100 Vulkanen und den Folgen von deren Ausbrüchen. Die kargen Ebenen sind nur im Norden richtig bewachsen von niedrigem Gebüsch. Die wenigen grünen Pflanzen, gemeinsam mit den bunten Blumen, weissen Häusern und blauen architektonischen Elementen bilden einen wunderschönen Kontrast zum schwarzen Lavagestein. Dass die Insel nur an sehr wenigen Stellen verunstaltet ist von riesigen, hässlichen Bettenburgen und anderen architektonischen Schandtaten, haben die Einwohner dem Künstler César Manrique zu verdanken, der sich Zeit seines Lebens für die Erhaltung eines natürlichen, traditionellen Landschafts- und Stadtbildes einsetzte.

Die Marina Lanzarote mit den Vulkankegeln im Hintergrund.
Leuchtturm in Arrecife.
Schöne Ecke in der Altstadt von Arrecife.
Der Charco de San Ginés in Arrecife.
Veloausflug zur Playa Honda.

Die Cueva de los Verdes ist eine Lavahöhle, die vor 3000 bis 4500 Jahren beim Ausbruch des Vulkans Corona entstand. Die Lava floss dabei vom Berg nach Osten in Richtung des Meeres hinunter und kühlte an der Oberfläche schnell ab. Darunter floss das Lava sehr lange weiter und hinterliess nach dem Versiegen eine Höhle. Einen kleinen Teil dieser Höhle kann man heute besichtigen.

In der Cueva de los Verdes.
Vulkan Corona im Abendlicht.

Die Playa de Famara im Westen besuchten wir gleich zweimal, nachdem wir erst nach unserem ersten Besuch erfuhren, dass der deutsche Schreiner Michael, der uns die bereits erwähnten Holzbretter perfekt zuschnitt und bearbeitete, dort wohnt – mit direkter Sicht auf den Strand! Obwohl Lanzarote die östlichste aller Kanarischen Inseln ist, spührt man hier die Kraft des atlantischen Ozeans, der auf die Küste drückt.

Playa Famara an der Westküste der Insel.

Nachdem klar war, dass wir keine Zeit mehr hatten, von Lanzarote aus mit dem Schiff zur nördlich gelegenen Insel La Graciosa zu segeln, wollten wir sie wenigstens von oben sehen. Vom Mirador del Rio aus hat man eine gewaltig schöne Aussicht auf die kleine Insel. Da wir etwas spät dran waren (weil ich unterwegs schon so viele Fotos machen musste) erwischten wir nur noch den rosaroten Nachschimmer der Sonne, die soeben im Meer versunken war. Die dunstige und windige Abendstimmung da oben war atemberaubend, aber auch überraschend kalt für die südlichen Breitengrade.

Die Insel La Graciosa im letzten Tageslicht.

Als wir endlich wieder das Gefühl hatten, langsam bereit zu sein für die Weiterreise, organisierten wir einen deutschen Rigger, um uns die Spannung und Stellung des Riggs zu prüfen. Es zeigte sich, dass unsere Salinge nicht richtig auf dem Mast auflagen – et voilà schon wieder zwei Tage Verschiebung. Als wäre das nicht genug, stellten wir beim Motor-Testlauf fest, dass die Kühlwasserpumpe leckt. Auch das kostete uns wieder viel Zeit, da wir alle Geschäfte abklappern mussten für Ersatzteile. Die ganze Zeit über wurden wir motiviert von unseren Stegnachbarn und deren Kollegen, was zwischendurch auch einmal in einem etwas zu feucht-fröhlichen Abend endete.

Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir endlich den finalen Einkauf machen: Pasta, Saucen, diverse Fertiggerichte, Reisgerichte, Dosenfutter, Sushizutaten (für den frischen Fisch!) und vor allem Trinkwasser. Zum Abschluss gönnten wir uns noch einen Ausflug in den Süden der Insel zum Playa Papagayo. Auch hier war es uns zu kalt, um zu baden, aber der Sonnenuntergang und die Sicht auf Fuerteventura waren sehr schön und eine gute Einstimmung auf die nächsten Stunden auf dem Wasser.

Lebensmittel für eine ganze Armee.
Traumhafter Sonnenuntergang am Playa Papagayo.

Am 22. Februar 2019 warfen uns unsere neu gewonnen Freunde unsere Leinen zu. Auf dem Weg zum Südzipfel von Lanzarote machten wir noch einmal Tests mit der Windfahne und wir stoppten für eine Nacht in der Marina Rubicón. Am nächsten Mittag ging es vollbepackt los in Richtung Gran Canaria. Die ca. 24 Stunden Segeln waren als Aufwärmphase für den Atlantik gedacht. Wir, unser Proviant und das Boot waren bereit für die Überquerung.

Nach einem Start mit angenehmem Wind mussten wir nach Mitternacht den Motor starten. Um drei Uhr früh kreuzten wir eine Schifffahrtsstrasse. Ich beobachtete aufmerksam die kleinen Dreiecke auf dem Kartenplotter, welche die riesigen Berufsfahrtsschiffe darstellen, und warf ab und an einen Rundblick aus dem Cockpit. Ich hatte gerade Dominique geweckt, da veränderte sich das Geräusch des Motors und wir wurden stetig langsamer. Schnell war klar: wir hatten keinen Schub mehr, obwohl der Motor einwandfrei lief. Eine Fehlersuche ergab den Verdacht auf Getriebe- oder Kupplungsschaden. Wir standen also mitten auf der Schifffahrtsstrasse ohne Motor und fast ohne Wind… Die sich nähernden Frachter erhöhrten unsere Funksprüche zum Glück sofort und waren so nett und machten einen Bogen um uns. Mit der vollen Besegelung bewegten wir uns im Schneckentempo langsam von der Strasse weg.

Lanzarote im Kielwasser.
Maja funkt die grossen Frachter an.

Wir befanden uns ungefähr auf halber Strecke von Lanzarote nach Gran Canaria. Der Wetterbericht besagte viel Wind ab den frühen Morgenstunden, der uns schnell nach Gran Canaria bringen würde. Bis dahin hatten wir Zeit, die gerade noch in Lanzarote fein säuberlich eingeräumte Lagerkoje auszuräumen und das Boot wieder in ein Chaos zu stürzen, um in den Motorraum zu schauen, und uns zu überlegen, wie wir in Las Palmas de Gran Canaria ohne Motor einlaufen sollen. Insbesondere ich wurde immer nervöser, je näher der Hafen kam.

Dominique leitet das Ankermanöver unter Segeln ein.

Natürlich legte der Wind nochmals zu, als wir uns nach 24 Stunden Fahrt vor der Hafeneinfahrt befanden. Weil das Hafenbüro eine absurd hohe Gebühr für das Abschleppen verrechnen wollte, entschieden wir uns, vor dem Wind in den Hafen hinein aufzukreuzen und in der Bucht hinter der Marina den Anker zu werfen. Die Aktion war riskant, weil wir nur eine einzige Chance hatten, den Anker richtig zu setzen. Hätte der nicht gehalten, wäre es unmöglich gewesen, gegen den Wind wieder neu anzulaufen, und wir wären in die anderen Schiffe und die Hafenmauer getrieben. Aber es hat beim ersten Mal geklappt! Noch selten waren wir so erledigt und wir gönnten uns als allererstes ein Nickerchen in den mit Werkzeug gefüllten Kojen. Immer noch im Halbschlaf durften wir später am Abend bei Jonna auf ihrer Tangaroa leckeres vietnamesisches Frühlingsrollen-Buffet geniessen.

Während wir im Hafenbüro mehrmals am Tag penetrant nach einem Hafenplatz fragten, suchten wir uns einen Mechaniker, der uns mit dem Motor helfen konnte. Laurent aus Frankreich war schnell gefunden in der berühmten Sailor’s Bar, und er bestätigte den Getriebeschaden. Ok, gut, dachten wir, sollte in ein paar Tagen zu erledigen sein.

Als wir drei Tage nach Ankunft in Las Palmas mit dem Dingi das Boot in den soeben erhaltenen Hafenplatz der Federación Vela Latina schleppten, wussten wir noch nicht, dass auch hier wieder eine Odyssee mit Warten auf Informationen, Techniker und Ersatzteile – und generell einfach auf „manaña“ – auf uns zukommen würde.

Das Boot mussten wir mit dem Dingi in den Hafenplatz schleppen.