Der Hafen Alcaidesa in La Linea gleich bei Gibraltar ist der Treffpunkt für Langfahrtensegler, die entweder in Richtung Atlantik oder Mittelmeer starten. Es findet ein reger Informationsaustausch statt, von dem auch wir profitieren konnten. So sassen wir eines Abends gemeinsam mit dem Genfer Paar Dajana und Yvo (SV Silkap) auf der schönen Yacht des Neuseeländers Paul und seiner internationalen Crew (Sailing Sorriso) und diskutierten darüber, wann denn nun der perfekte Zeitpunkt ist, um durch die Strasse von Gibraltar zu segeln. Jeder hatte irgendwo etwas anderes gelesen oder gehört, es war ein herrliches Durcheinander.

Weil der Meeresspiegel des Atlantiks etwas höher liegt als derjenige im Mittelmeer, setzt der Strom permanent vom Atlantik ins Mittelmeer. Gleichzeitig drücken oder ziehen Flut bzw. Ebbe das Wasser durch die Strasse. Wenn man zum perfekten Zeitpunkt losfährt und auch den passenden Wind hat, kann man den Gezeitenstrom für sich nutzen und ist um ein paar Knoten schneller als normal. Verpasst man den richtigen Zeitpunkt, kann die Durchfahrt für eine kleine Yacht wie die unsere zu einem unüberwindbaren Hindernis werden, weil alle Naturkräfte gegen an kämpfen.

Am Sonntag, 11. November 2018, konnten wir loslegen auf die nächste, bisher grösste gemeinsame Etappe unserer Weltumsegelung. Wieder vorbei an den grossen Tankern und Frachtern, verliessen wir vormittags bei sehr wenig Wind die Bucht von Gibraltar und machten uns mit Hilfe aller erhaltenen Ratschläge und Wegpunkte aus der Segelliteratur auf die Suche nach der perfekten Strömung. Und siehe da, nachdem wir vor uns hin tuckerten und Dominique auf dem AIS-Monitor sah, dass eine Yacht weiter nördlich vor uns unglaublich schnell war, folgten wir dieser Yacht und plötzlich schossen wir nur noch so dahin mit fast 7 Knoten (anstatt 4 bis 5)!

In der Strasse von Gibraltar mit Sicht auf Marokko.

So, wie Gibraltar für mich bisher etwas Nichtfassbares an sich hatte, war auch die Durchquerung der Strasse von Gibraltar eine grosse Unbekannte, etwas Eindrückliches, Spezielles – für uns das Tor zur Welt. Schlussendlich verlief die Durchfahrt allerdings recht unaufregend. Es hatte sehr wenig Verkehr, fast keinen Wind und wir konnten oder mussten ohne Hektik die ganze Strecke bis zur spanischen Stadt Tarifa motoren.

Speziell war jedoch die spektakuläre Sicht auf beide Kontinente – zur linken Hand Afrika, konkret Marokko, und zur rechten Hand Europa. Auf Grund der Strömung bewegten wir uns sehr nahe entlang der spanischen Küste, aber dank der guten Sicht konnte man auf der marokkanischen Seite Siedlungen, Windräder und im Hinterland Hügel erkennen.

Auf der Höhe von Tarifa erreichten wir offiziell atlantisches Gewässer. Wir richteten unseren Kurs weiter südlich, um der marokkanischen Küste entlang in Richtung kanarische Inseln zu fahren. Die Windverhältnisse blieben durchzogen. Wider der Vorhersage blies lange zu wenig Wind, um die Segel richtig zu nutzen. So richtig gemütlich war es trotzdem nicht. Die Yemayá wurde durchgeschüttelt von hohen, langen Atlantikwellen, auf denen sich kleinere Wellen kreuzten. Die hohen Wellen waren Ausläufer eines grösseren Sturms weit draussen auf dem Atlantik. Seither wissen wir mit leidiger Gewissheit, dass unser kleines Boot zur unangenehmen Schaukelkiste wird, wenn die Wellen zu unruhig sind. Im Mittelmeer stopften wir beim kleinsten Geräusch noch Haushaltsrollen und Socken zwischen die Tassen und andere herumrutschende Gegenstände in den Schränken. Jetzt versuchten wir nur noch, das Geklapper möglichst zu ignorieren, weil wir es sowieso nicht mehr verhindern konnten.

Ungemütliches Abendessen in der Schaukelkiste.
Der erste Sonnenuntergang auf dem Atlantik.
Reffen im Pyjama.

Erst etwa auf der Höhe von Rabat, 48 Stunden nach der Abfahrt, konnten wir alle Tücher das erste Mal voll setzen. Die vorherige Geduld zahlte sich voll aus und wir rauschten bei schönem Nordwind gegen Süden. Ab und zu zogen kleinere Wetterfronten über uns hinweg. Teilweise war es nur Regen, manchmal brachten sie für etwa fünfzehn Minuten einen schlagartigen Windstärkenanstieg von ca. 15 auf 25 bis 30 Knoten mit sich. Diese Fronten lassen sich im Normalfall auf dem Radar gut erkennen und man kann sich entsprechend vorbereiten. Trotzdem haben wir es auch geschafft, ab und an überrascht zu werden, was zur Folge hat, dass man im Pyjama die Segel reffen muss…

Starkwindsegeln bei hohem Wellengang.
Wir sind langsam ein eingespieltes Team.
Das ungemütliche Cockpit während einer Regenfront.

Als etwas unangenehmer Vorgeschmack auf die Atlantiküberquerung entpuppte sich für mich die bleierne Müdigkeit, die nach ein paar Tagen auf See und mit Schichtbetrieb eintreten kann. Zusätzlich plagt mich immer die Angst, dass Dominique etwas Schlimmes geschieht, während ich schlafe. Der Gedanke, dass die andere Person über Bord geht, und man es nicht mitkriegt, ist für uns beide eine ungeheure Horrorvorstellung. Wie häufig bin ich hochgeschreckt, wenn ich Dominique nicht gleich gesehen habe nach dem Aufwachen! Danach mit Herzrasen wieder einzuschlafen, ist umso schwieriger. Erst gegen Ende der Überfahrt zu den kanarischen Inseln konnte ich diese ständige innere Unruhe ablegen, unterstützt von der überwältigenden Müdigkeit.

Weil sich das Wetter nicht wie vor der Abfahrt vorhergesagt entwickelte, hatten wir zu Beginn der Überfahrt zu viel Diesel verbraucht. Deshalb mussten wir bei relativ starkem Wellengang aus den Dieselkanistern auf Deck nachtanken. Da dies recht schwierig war, füllten wir nur das Nötigste nach – ein grosser Fehler, wie sich später zeigte.

Als ich in der Nacht vor der Ankunft in Lanzarote den Tagestank nachfüllen wollte (ein kleiner Reinigungstank zwischen Haupttank und Motor), musste ich feststellen, dass der Haupttank schon wieder leer war. Weil es Nacht war, und das Wetter noch ruppiger wie bei der letzten Umfüllung, entschlossen wir, in der Kajüte drin beim Hauptstutzen aus den Kanistern nachzufüllen. Zum Glück ging kein Tropfen daneben. Doch damit nicht genug: Als wir bereits die Lichter der Insel sehen konnten, verpasste ich den Moment, den Tagestank nachzufüllen. Dominique konnte zum Glück gerade in dem Moment, als der Motor zu stottern anfing, rausspringen, um ihn abzustellen. Den Motor bei starkem Wellengang und viel Schiffsverkehr zu entlüften, wäre nicht so toll gewesen, auch, weil wir dies noch nie gemacht haben.

Während einer von vielen Nachtschichten.
Nachtanken bei Wellengang.

Schon in Gibraltar prophezeite Dominique, dass wir am Samstag vor dem Mittag wieder an Land sein müssen wegen einem nahenden Tief. Recht müde nach knapp sechs Tagen auf See funkte ich gegen 07:30 Uhr die Marina Lanzarote an, dass wir gerne einen Hafenplatz hätten. Die Antwort lautete: Wir sind voll, ihr müsst es in der Marina Rubicon versuchen, ergo weitere fünf Stunden segeln! In Anbetracht dessen, dass das Tief herannahte, jammerte ich in meinem besten Spanisch und siehe da, wir durften trotzdem einlaufen und am Wartesteg anlegen. Ein paar Stunden später war dann auch schon ein guter Fixplatz gefunden.

El Charco de Arrecife - in der Hauptstadt von Lanzarote verbringen wir fast drei Monate.

Eine Liechtensteinische Crew auf der Segelyacht „Josef II“, die per Zufall in der gleichen Gegend unterwegs war, erzählte uns, dass sie nicht so viel Glück hatte und in den Sturm geraten ist. Sogar Schweizer Medien berichteten über dieses Tief, dessen Kräfte bewirkten, dass eine Riesenwelle auf Teneriffa Hotel-Balkone abriss. Die Crew von SY Josef II hat auf Facebook gesehen, dass wir ebenfalls auf Lanzarote liegen. Wir waren sehr überrascht, als uns plötzlich vier Männer am Steg mit einem Liechtensteinischen „Hoi“ begrüssten und uns auf ein Bier einluden. Da sie vor einiger Zeit in der Karibik unterwegs waren, versorgten sie uns netterweise mit zahlreichen Papierseekarten und Revierbüchern.

Spontanbesuch der Liechtensteiner Crew von "Josef II".
Je weiter südlich wir kommen, desto grösser werden die (anderen) Boote.

Die Freude, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, war gross. Wir mussten uns dringend erholen von der Überfahrt. Gleichzeitig wollten wir endlich die letzten Arbeiten am Boot erledigen, bevor wir einen kurzen Abstecher nach Hause machten. Es folgten Wochen zwischen Erholung, Delirium und Ernüchterung, weil wir ursprünglich noch vor Weihnachten in der Karibik sein wollten, doch daraus wurde nichts. Die Erschöpfung, die wir seit der Abreise im Spätsommer 2018 in uns trugen, konnte nicht mehr einfach zur Seite geschoben werden. Entsprechend langsam kamen wir voran. Während unserem Abstecher nach Hause über Weihnachten und Neujahr erledigten wir die letzten administrativen Dinge für uns und Familie und räumten Dominiques Wohnung final aus. Erst nach der Rückkehr nach Lanzarote konnten wir uns langsam damit abfinden, dass wir unseren ursprünglichen Zeitplan nicht einhalten können und dass bei unserer neuen Art zu Leben Pläne sowieso dazu da sind, sie über den Haufen zu werfen. Mit dieser neuen Einstellung gelang es uns, alles etwas lockerer zu sehen und das Arbeiten am Boot und Organisieren von Materialien mit Inselausflügen zu kombinieren.

Warum es schlussendlich der 20. Februar wurde, bis wir die Marina in Arrecife verlassen konnten, und weshalb wir es bisher nur bis Gran Canaria geschafft haben, erzählen wir im nächsten Blogbeitrag.