Wie alles begann

Im Oktober 2013 nahm alles seinen Anfang. Zwei Wochen, nachdem Dominique seinen Binnen-Segelschein gemacht hatte, beschloss er spontan, über den Atlantik zu segeln. Er wollte testen, ob er denn wirklich hochseetauglich ist und ob er einer Weltumsegelung physisch und psychisch gewachsen wäre. Als Teil einer fünfköpfigen Crew überquerte er mit der ARC (Atlantic Rally for Cruisers) im Dezember 2013 zum ersten Mal den Atlantik.

Nach dieser speziellen Erfahrung war für Dominique klar, seinen Traum einer Weltumsegelung zu verwirklichen. 2014 kaufte er sich in Schweden eine kleine Laurin Koster L32 mit Baujahr 1964, mit dem Ziel, 2017 bis 2019 Einhand um die Welt zu segeln. Während eines Sprachaufenthalts in Australien kam jedoch alles anders. Zur gleichen Zeit war auch ich in Australien unterwegs, und per Zufall liefen wir uns bei einer Tour rund um den Uluru über den Weg. Sofort war klar, dass wir beide Wassersport- und Reisebegeistert sind, und wir entschlossen spontan, mit Auto und Surfboard einen gemeinsamen Trip entlang der Ostküste von Australien zu machen.

So kam es, wie es kommen musste: Anfang 2016 kamen wir frisch verliebt nach Hause zurück, aber wussten nicht so recht, wie weiter, weil ja Dominique bald für mindestens zwei Jahre verreisen wollte. Nach längeren Diskussionen kamen wir zum Schluss, dass ich doch einfach mitreise… und dass wir aus der Weltumsegelung ein Projekt machen, das in einem Dokumentarfilm seinen Abschluss finden soll.

Aus Kosten- und Zeitgründen transportierten wir das Boot im September 2016 aus Norddeutschland nach Liechtenstein, mit dem Ziel, wann immer wir wollten und Zeit haben, daran zu arbeiten. Aber so frisch verliebt funktionierte es mit der Disziplin nicht wirklich, und wir fanden alles Andere als am Boot zu arbeiten schöner. Hinzu kamen Dominiques Studium, das er abschliessen musste, und meine Filmprojekte, inklusive Dreharbeiten auf Borneo. Schlussendlich konnten wir mit der Bootssanierung und allen anderen Vorbereitungen erst im Mai 2018 so richtig starten.

Die letzten Vorbereitungen auf dem Trockenen

Viel hatten wir uns vorgenommen für die Zeit von Mai bis Juli 2018 – und es kam alles anders! Unsere Todo- und Wunschliste, die anfangs Jahr noch sehr lange war, schrumpfte schnell zusammen auf das Wesentliche. Welche Reparaturen sind unbedingt notwendig? Welche technischen Erneuerungen helfen uns beim zukünftigen Leben auf dem Boot? Was passt überhaupt in unser Budget?

Dominique beim Segelmacher.

Wir waren mit einer Menge technischer Fachsimplerei konfrontiert, für deren Verständnis wir uns Wochenlang durch Online-Foren und Fachzeitschriften wühlten, bevor wir überhaupt Bestellungen machen und Reparaturen ausführen konnten. Das Anstrengendste dabei war, dass jeder, sogar die Profis, etwas Anderes erzählte. Die Meisten waren der Überzeugung, dass nur ihr Weg der Richtige ist. Wir mussten zum einen lernen, dass auch im Bootsbau viele Wege zum Ziel führen und die meisten Vorgehensweisen ihre Berechtigung inklusive Vor- und Nachteile haben. Zum anderen mussten wir ein gesundes Mass an Selbstbewusstsein in den Fachbereichen aufbauen, um Entscheidungen treffen und die Notwendigkeit von Ausrüstung & Co hinterfragen zu können.

Der Anker muss neu verzinkt werden.

Ursprünglich hatten wir die sehr romantische Idee, ausschliesslich mit Papierseekarten und Sextant (natürlich mit GPS als Backup) um die Welt zu segeln. Eine kurze Berechnung der Kosten für Papierseekarten hielt uns aber davon ab, diesen Plan umzusetzen, und wir beschlossen, unsere alte ü50-Lady innenrum mit neuer Technologie auszustatten. Und wenn man nun schon einen Kartenplotter (Display für elektronische Seekarten) hat, kann man auch gleich eine Windmessanlage anhängen, und ein AIS (Automatisches Schiffsidentifizierungssystem) ist heute auch Standard, ebenso ein UKW-Funkgerät mit DSC (Digital Selective Calling). So ging es weiter (wir sind jetzt, Stand Lanzarote, immer noch dabei, alle Tricks und Gags dieser Geräte zu entdecken…).

Die Rumpfsanierung, die wir wegen eines leichten Osmoseschadens (Wasseraufnahme und Zersetzung des Laminats) machen wollten, artete bald aus in ein Tage-, dann Wochenlanges Arbeiten mit Anzug, Atemmaske und Schutzbrille. Eine gefühlte Ewigkeit haben wir in den kühlen Morgen- und Abendstunden abgekratzt, geschliffen und gespachtelt und dann wieder geschliffen und gespachtelt, bis wir den Staub wortwörtlich in jeder Pore hatten. Aber damit war es noch nicht getan: Kaum war der Rumpf neu aufgebaut, hiess es während Tagen, die neuen Beschichtungen aufzutragen – einmal in türkis, einmal in grau, einmal in türkis usw. – bis wir endlich zu den letzten zwei Schichten Antifouling in schönem Blau kamen. Zum Glück hat uns Dominiques Mutter in diesen Tagen wunderbar bekocht und durchgefüttert.

Schleifen bei Tag...
Die Rostschicht auf dem Stahlkiel muss entfernt werden.
Schleifen bei Nacht...
Zum Abschluss werden die Wasserschutzschicnten und das Antifouling aufgetragen.

Wer glaubt, mit einem gut durchdachten und ausgerüsteten Boot sei die Vorbereitung getan, der irrt sich! Parallel standen viel Papierkram und organisatorische Arbeiten an: Wohnungskündigung, Wohnung ausräumen, Abmeldung, Steuererklärung (der Staat sorgt dafür, dass man keine Schulden hinterlässt…), Abonnementskündigungen, Versicherungsanpassungen etc.

Mit Hilfe von Dominiques Schwester Tatjana konnten wir eine vollumfassende Apotheke zusammenstellen, die ca. vier Einkaufstaschen umfasst, damit wir für alle (hoffentlich nie eintretenden!) Fälle gerüstet sind. Bei einem Nothelferkurs für Hochseesegler haben wir unser medizinisches Wissen aufgefrischt und ich absolvierte im Juni die Hochseetheorieprüfung und die Prüfung für das LRC-Funkzeugniss.

Tatjana erfasst und verpackt die Medikamente für die Bordapotheke.

Unterstützung während der Vorbereitungszeit

Die Hilfsbereitschaft von Familie, Freunden, Bekannten und Dritten, die wir zum Teil davor nicht gekannt haben, war unglaublich gross. Allein dies machte die Vorbereitungen zu einer schönen Erfahrung. Da sind zum Beispiel Stefan Dürr (FMA Mechatronic Solutions) und Alexander Batliner (Büro für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit), die uns dank einem Zeitungsartikel kontaktiert haben, weil sie unser Projekt sehr spannend und unterstützungswürdig fanden. Nach einem weiteren Presseartikel, in dem der blanke Bootsrumpf mit den Osmose-Löchern zu sehen war, stand während den Schleifarbeiten plötzlich Xaver Jehle neben uns und wollte wissen, was wir da tun. Einen Tag später kam Xaver wieder und bot uns seine Hilfe an. Mit seinem riesigen Wissen im Kunststoff- und Konstruktionsbereich hat er uns nicht nur bei der Rumpfsanierung unter die Arme gegriffen, sondern hat auch Verstärkungen und Spezialkonstruktionen aus Aluminium für die neuen Solarpanels entworfen und uns beim Einbau der neuen Fenster geholfen. Norbert Meier (10er Kran Trans), Simon Schächle (Forsttech), Peter Marxer, Andreas Chiaberto, Jürgen Niederegger und Désirée Witschi, Stephan Oehri, Jürgen und Tanja Kieber und viele weitere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte boten spontan ihre Hilfe an. Ohne dieses grosse Engagement könnten wir diesen Blogeintrag nicht zum jetzigen Zeitpunkt schreiben.

Nachtschichten bis zum Einwassern

Wir waren also dran an allen Fronten und die von uns gesetzte Deadline für den Bootstransport nach Frankreich rückte immer näher, doch wir hatten noch lange nicht alles erledigt! Am Abend vor der Abholung half uns Simon Schächle, den Mast zu legen.

Als am 11. September um 7 Uhr der Kran von 10er Kran Trans und der Lastwagen auf den Platz fuhren, hatten wir die Nacht durchgearbeitet und zogen gerade noch die letzten Schrauben an. Während das Boot aufgeladen wurde, warfen wir total übermüdet und nicht mehr sehr überlegt alle grossen Gegenstände, die nicht ins Auto passen, auf das Boot. Und schon war unsere Yemaya weg, auf dem Weg nach Saint-Raphaël an der Côte-d’Azur – nur zwei Tage, bevor die „Aufenthaltsbewilligung“ des Bootes für den Schweizer Zollraum abgelaufen wäre.

Der Mast ist gelegt...
...damit die neuen Kabel eingezogen werden können.

Dann gönnten wir uns drei Stunden Schlaf, bevor wir uns erstmals so richtig damit beschäftigen konnten, welche privaten Dinge wir eigentlich mitnehmen auf unsere Reise. Wir wollten im Laufe des Nachmittags losfahren, aber es wurde morgens um 3 Uhr, und nach einer eher kriminellen Autofahrt in den Süden kamen wir mit zehn Minuten Verspätung zum Abladetermin um 8:30 Uhr in Saint-Raphaël an! Zum Glück war der Chauffeur so nett und hat die Herren vom Kranunternehmen so lange hingehalten. Noch schnell das letzte Antifouling auf die bisher verdeckten Stellen am Kiel geklatscht, alle Seeventile kontrolliert und ab ins Wasser – endlich!

Endlich geht’s los

Bis Dominiques Mutter, Schwester und Neffe in Saint-Raphaël eintrafen mit dem zweiten, voll beladenen Auto, standen wir bereits mit geriggtem Mast im Bootsplatz. Total müde von den letzten Monaten waren wir kaum fähig, die Tage voll zu nutzen und vorwärts zu machen. Deshalb gingen wir die Sache ruhig an und arbeiteten uns Schrittweise vorwärts: Segel aufziehen und befestigen, Radarantenne montieren, alle aussen liegenden Kabel sauber verlegen und anschliessen, Solarpanels, Kartenplotter, Funkgerät und AIS-Gerät testen und natürlich die tausend Kisten und Taschen voll Werkzeug, Ersatzteile, Nahrungsmittel, Wasserflaschen, Kleider, Bücher, Kameraequipment, Angelausrüstung etc. einräumen. Letzteres war keine einfache Aufgabe, und wir sind auch jetzt, kurz vor der Atlantiküberquerung, immer noch am Optimieren. Immer mal wieder zeigte sich, wie übermüdet wir in den letzten Wochen waren. So hatten wir zum Beispiel vergessen, die Segellatten beim Abtransport ins Boot zu packen. Zum Glück passten sie dank Spezialeinsatz  von Schwager Cyril auf das Autodach von Dominiques Mutter!

Etwas ratlos vor der geschlossenen Tankstelle.

Nach einer wetterbedingten Verschiebung war es am 30. September 2018 – ein Monat später als geplant – endlich soweit: Wir legten ab in Richtung Korsika! Fast wäre der Start jedoch ins Wasser gefallen, denn in der Vorfreude vergassen wir, zu überprüfen, ob man an der Hafentankstelle mit Karte bezahlen kann resp. wir hatten es einfach angenommen. So schaukelten wir vor der geschlossenen Tankstelle mit einem fast leeren Tank und dachten schon, dass wir nicht auslaufen können. Aber zum Glück funktionierte es im nahegelegenen Nachbarhafen, und so ging es mit einer Stunde Verspätung doch noch los.

Korsika und Sardinien

Unsere Weltumsegelung begann mit einem rasanten Start. Wir wussten, dass wir in einer bestimmten Zeit in Küstennähe von Korsika sein mussten, weil hinter uns der Mistral in Sturmstärke herannahte. Der Wind frischte aber schon früher als erwartet auf, und so entpuppte sich meine erste Solo-Nachtschicht (vor der ich sowieso schon ziemlichen Respekt hatte) als sehr unangenehm mit viel Wind und hohen, kurzen Wellen. Ich war froh, dass es rundherum stockdunkel war und ich die zischenden und rauschenden Wellen nur hören, aber nicht sehen musste…

Leider entpuppte sich der Hafen von Calvi im Norden von Korsika nicht als die ersehnte Rettung vor Wind und Wellen, sondern dank einem aussergewöhnlich schlechten Hafenplatz verloren wir eine Klampe, der Bugkorb kollidierte mit der Mauer und unsere Salinge (Mast-Querverstrebungen) verhakten mit derjenigen vom Nachbarschiff. Die Klampe konnten wir reparieren und dem Rig des Nachbars ausweichen, aber seither bin insbesondere ich etwas übervorsichtig, wenn es um das Belegen des Schiffes in einem Hafen geht.

Der Hafen von Calvi - schöne Aussichten, schlechter Platz.

Über Ajaccio und Campomoro erreichten wir am 5. Oktober Bonifacio. Dominique schwärmte schon seit Ewigkeiten von diesem schönen, mittelalterlichen Städtchen auf der Küstenklippe, und eigentlich war es auch der einzige Grund, weshalb wir von Frankreich aus überhaupt nach Korsika gesegelt sind anstatt aus Zeitgründen direkt auf die Balearen. Und wirklich: Bonifacio wirkt wie aus einem vergangenen Zeitalter. Der Stadteingang führt durch ein enges Tor durch die dicke Stadtmauer, nur wenige Strassen sind für Autos überhaupt befahrbar, so eng sind die Gässchen. Die Stadt trohnt auf einer riesigen Felsnase, die ins Meer hinausragt, daneben zieht sich die beeindruckende hohe Steilküste Korsikas dahin.

Die Küste vor Bonifacio.

Da sich die Wetterbedingungen in Richtung Balearen ab Nordsardinien als besser zeigten, beschlossen wir, von Bonifacio aus noch einen Abstecher nach La Maddalena, eine Insel im Norden von Sardinien, zu machen. Auch hier war Dominique bereits einmal, damals allerdings im Hochsommer. Er war ein wenig enttäuscht, dass auf Grund der Jahreszeit das sonst so türkisblaue Wasser „nur“ noch blau-grau war. Einen Tag später machte ein ca. 1.20 Meter langer Thunfisch die Enttäuschung wieder wett (unser erster Fisch auf dieser Reise!). Der Fischerstolz war gross, auch, weil wir es schafften, ihn möglichst schmerzfrei und schnell zu töten. Allerdings war die Blutschlacht danach ebenso gross, und als wir endlich den ganzen Fisch schön filetiert hatten, war uns die Lust auf Sushi vergangen… Trotzdem gab es danach eine Woche lang mindestens zweimal pro Tag Thunfisch – lecker war es!

Überfahrt auf die Balearen

In Stintino, einem der westlichsten Zipfel von Sardinien, bereiteten wir uns auf die nächste grössere Überfahrt vor: 2 Tage und 2 Nächte bis nach Menorca. Hier kamen wir auf der Durchfahrt auch noch kurz in den Genuss von türkisfarbenem Wasser! Kurz, bevor wir keine Telefonverbindung mehr hatten, durfte Dominique ein Telefoninterview mit dem Liechtensteiner Vaterland machen, da kommt man sich doch gleich etwas wichtig vor… zum Artikel von Mirjam Kaiser geht es hier: Weltumsegelung stürmisch gestartet.

Da wir später als gewünscht unterwegs waren, mussten wir die Wetterverhältnisse im Mittelmeer genauestens studieren. Gerade im Herbst kommt es oft zu Starkwinden bis Stürmen in Orkanstärke, die über das Rhonetal in den Golf de Lyon rasen. Deshalb hatten wir häufig die Wahl, auch bei den späteren Strecken, dass wir entweder riskiert hätten, in einen Sturm zu geraten, oder aber bei Flaute motoren mussten. Schlussendlich hatten wir immer Glück. Längere Durststrecken wechselten sich ab mit gut segelbarem Wind, und wir konnten diverse Manöver testen sowie unsere alte, schwedische Windfahne (steuert das Boot alleine mit Hilfe des Windes) in Betrieb nehmen.

Unterwegs sahen wir die ersten Delfine (wobei „wir“ meistens Dominique ist, weil sich die Tiere, wenn ich komme, immer verkriechen…) und seit dieser Überfahrt wissen wir, dass manche Bilder im Film Life of Pi mit dem leuchtenden Plankton kein Kitsch, sondern sehr realitätsnah sind! Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass wir einen weiss-blau leuchtenden Schweiff hinter uns herzogen, dort, wo der Langkieler das Wasser teilte. Gleichzeitig kamen immer wieder richtige Leuchtkugeln und Kringel nach oben, und die Bugwellen strahlten richtig vor Plankton. Leider konnte keine der sich an Bord befindenden Kameras dieses Spektakel festhalten – es war auf jeden Fall unglaublich!

 

Die Fortsetzung von den Balearen bis Gibraltar folgt bald.